Mein Besuch bei Daniela Katzenberger

Voller Vorfreude auf dieses Zusammenkommen klingelte ich an der Tür und lauschte gespannt dem Innenleben der Wohnung. Wurde es zuerst Totenstille, so erhaschte mein Ohr plötzlich das Öffnen einer Tür, gefolgt von sich nähernden Fußschritten. Daniela öffnete die Tür.
„Hallo Farid, wir haben uns schon so auf dich gefreut!“ Sie strahlte so breit, dass ich nicht anders konnte, als ihr zu glauben, dass hinter dieser abgedroschenen Floskel tatsächlich eine positive Reaktion auf meine Präsenz stand. Zu einer kurzen, freundschaftlichen Umarmung fiel sie mir um den Hals, bevor ich erwiderte: „Das Vergnügen ist ganz meinerseits, Daniela!“
„Komm doch rein“, forderte sie mich höflich auf, obwohl ich das ohnehin schon vorhatte. „Wie geht es der kleinen Sophia?“, forschte ich nach. „Sie hat schon den ganzen Tag Klimmzüge in ihrem Bettchen gemacht und schläft deshalb gerade besonders gut.“ Ich streifte meine Schuhe ab. „Wir warten aber immer noch darauf, dass sie ihr erstes Wort sagt.“, informierte sie mich mit leichter Enttäuschung in ihrer Stimme. Ich lauschte ihren Erzählungen über Sophias Entwicklungsstand, Gesundheit und Kotkonsistenz, während sie mich durch die moderne und minimalistische Eingangshalle der Wohnung führte. Eine großeTreppe führte in der Mitte herauf, bevor sie sich nach links und rechts teilte und über eine Empore Zugang zur zweiten Etage bot. Der Marmorboden wurde durch Teppiche in diversen Graustufen akzentuiert, die als Pfade dienten. Beidseitig jeder Säule blühten in Mingvasen, verziert durch kunstvolle, hellblaue Ornamente, kräftig leuchtende Begonien. Über all dem thronte an der Rückwand Peter Klöppel auf einem 3 Meter breiten Kupferstich, der ihn mit 2 Maschinengewehren vor dem Weißen Haus abbildete. Wir gingen links an der Treppe vorbei und betraten durch ein Edelholzportal die östliche Gallerie.
Daniela wechselte das Thema: „Lucas ist untröstlich, dass er unserem Treffen heute nicht beiwohnen kann. Sein Agent hat ihm gestern erst mitgeteilt, dass er DJ Bobos neusten Song bis morgen fertig produziert haben muss. Er sitzt schon den ganzen Tag in seinem Heimstudio im Westflügel und dreht an diesen Reglern rum. Vielleicht willst du aber später kurz Hallo sagen.“ „Diese Chance werde ich mir nicht nehmen lassen!“, versicherte ich ihr, während ich im Vorbeigehen die Rembrandts und Monets begutachtete. Unfreiwillig erinnerte ich mich an den Spaziergang im Münchner Olympiapark, als ich über DJ Bobos Handabdrücke im Asphalt gestolpert war und mir eine Luxation am rechten Knöchel zuzog. An diesem Tag hatte ich Rache geschworen.
„Wie sieht es mit deiner eigenen Auftragslage aus?“, erkundigte ich mich. Daniela hielt inne und seufzte vernehmbar, bevor sie weiter über den Marmor schritt. „Weißt du, nach der Schwangerschaft bin ich nicht mehr so gefragt wie früher. Die Klatschblätter berichten zwar immer wieder über meinen tollen Afterbaby-Body und ich bekomme sehr viel Zuspruch auf Facebook, aber Vox ist zögerlich noch eine Staffel ’natürlich schön‘ zu produzieren, weil die Sponsoren nicht mehr anbeißen wie früher.“ Ihr Stimme füllte sich mit hörbarem Schmerz, als sie bedeutungsschwanger feststellte: „Ich bin einfach nicht mehr die Werbeikone, die ich einmal war.“ Ich war überrascht von dieser nihilistischen Selbstreflektion des Fernsehstars, doch konnte mich nicht lange darüber wundern. Am Ende der Gallerie angekommen öffneten Danielas Bedienstete ein weiteres Portal für uns, das zum Speisesaal führte. Ihr Gesicht verzog sich wieder zur überfreundlichen Perversion eines Lächelns, als sie Costa, der uns bereits erwartete, begrüßte: „Mein Lieblingsschwiegerpapa! Der Besuch ist da!“ Spielerisch setze sie sich in seinen Schoß und legte ihre Arme um seinen Hals, während er großväterlich leise lachte. „Das ist Farid, der beste Gangsterrapper Deutschlands!“ Costa beäugte mich kritisch. „Der Beste also?“ Mit einem Klaps auf den Po schickte er Daniela zur Seite und erhob sich von seinem Stuhl. „Wie ein Gangster siehst du mir aber nicht aus. Viel zu gut ernährt. Kokst wohl nicht genug.“ Mit steinernem Gesicht trat er auf mich zu, bis sein Lamborghini Mitico Aftershave mir fast die Nasenschleimhäute verätzte. Ich erwiderte den Blick und dachte nicht einmal daran, diesen Starrcontest zu verlieren. Plötzlich brach er in Gelächter aus und klopfte mir freundschaftlich auf die Schulter. „Entspann dich! Ich nehm dich nur auf die Schippe, Kleiner! Als ich in deinem Alter war, hab ich auch mit meinen Homies in der Hood Cyphers auf dem Aldiparkplatz gemacht.“ Er führte ein paar coole Hip-Hop-Gesten vor, akzentuiert durch wiederholtes „Yo Yo Yo!“, bevor er sich wieder an den Mahagonitisch setzte.
Es war gedeckt für 3 Personen. Daniela und Costa setzten sich nebeneinander an eine Längsseite des Tisches, der durch den kompletten Saal reichte, während ich mich auf den Weg machte, gegenüber von ihnen Platz zu nehmen.
Auf das Signal des Oberbutlers Horst öffneten sich die Türen zur Küche und perfekt choreografiert marschierte das Küchenpersonal in den Speisesaal, als wäre es gerade 5:45 Uhr geworden, um uns feinste Spezialitäten der bolivianischen Küche aufzutischen, serviert mit Champagner und Ramen der Marke YumYum. Der Chefkoch positionierte sich am Kopfende des Tisches und infomierte uns über das Menü: „Als Vorspeise: Ein Rote-Beete-Möhren-Salat auf bolivianische Art. Darauf folgt die Hauptspeise: Huhn. Auf bolivianische Art. Freuen Sie sich schon auf das Dessert: Pflaumen-Karrotten-Chilli-Chutney…auf bolivianische Art.“ In Formation verließen die Bediensteten den Speisesaal, wie sie ihn betreten hatten, um uns genügend Freiraum zum Speisen zu geben. Horst rotierte im Uhrzeigersinn um den Tisch, um uns löffelweise mit den Leckereien vor uns zu füttern, während wir die Konversation fortführten. Gebannt lauschte ich Costas Abhandlungen über die alten Tage, als es bei Hip-Hop noch um repetitive Bassspuren und Mitgröhlrefrains ging, bevor Snobs wie 2Pac und Haftbefehl den Fokus auf Inhalt lenkten und das Ballermannghetto zu verarmen drohte. Zum Glück retteten Helden wie er selbst schließlich die Hood, indem sie den deutschen Langweilerstyle von Florian Silbereisen ins Coole übertrugen und durch ihren neu erworbenen Reichtum alle Bitches wegflexen konnten.
Costa war wirklich eine einnehmende Persönlichkeit. Daniela und ich hingen bedingungslos an seinen Lippen. Er genoss unsere Aufmerksamkeit merklich und redete sich immer mehr in Rage, nur durch die regelmäßigen Fütterungen durch Horst unterbrochen. Das Kauen schien ihm nicht schnell genug zu gehen. Häufig schien er sich zu verschlucken, konnte nach einem festen Klopfer auf den Rücken durch Daniela jedoch direkt wieder loslegen. Die Teller wurden immer leerer, während Costa seine Anekdote über seinen moralsteigernden Auftritt bei der Bundeswehr in Kunduz beendete.
Jäh wurde unsere Geselligkeit durch das hereinstürmende Kindermädchen unterbrochen. Empört sprang Daniela von ihrem Stuhl und herrschte die Teenagerin an: „Ich hoffe du hast einen guten Grund uns zu unterbrechen!“ Die nicht unattraktive Austauschstudentin stammelte: „Ja Frau Katzenberger, Fräulein Sophia verlangt nach ihrer ‚Mama‘.“ Schlagartig änderte sich Danielas Gesichtsausdruck von einer Grimasse zur nächsten. Es viel mir schwer, das anschwellende Quitschen und ihren schmerzhaft verzogenen Gesichtsausdruck als Freude über diese Nachricht, oder die Enttäuschung, dass sie das erste Wort ihrer Tochter verpasst hatte, zu interpretieren, aber das liegt vielleicht daran, dass ich im frühen Kindesalter autistische Symptomatiken aufgezeigt habe.
Gemeinsam verließen die beiden Frauen den Speisesaal und so blieben nur die gestandenen Mannsbilder Costa, Horst und ich zurück. Wir spielten zu dritt eine Weile Schafkopfen und unterhielten uns über Danielas Titten, während uns das Kücherpersonal eine Runde Whiskey, Scotch und Bier nach der anderen servierte. Relativ schnell wurde mir jedoch klar, dass Costa über telepathische Manipulation jeden meiner Züge beeinflusste, weshalb ich meine Einsätze gering hielt.
Der Alkohol war in Strömen geflossen und das Pflaumen-Karrotten-Chilli-Chutney schien extra schnell verdaut worden zu sein, weshalb mich ein plötzliches Gefühl des Unwohlseins übermannte. Zuerst versuchte ich dagegen anzukämpfen, doch der Schweiß begann in Strömen meine Stirn hinabzufließen und meine Sicht verschwomm zu einem paranoiden Spiel der Farben. Außer Atem knallte ich mein Deck auf den Tisch und unterbrach damit Costas Monolog über die Vorzüge der Kernfusion, um lautstark zu verkünden, dass ich „mies kacken“ müsste, und erfragte den Weg zum Klo. Costa war sichtlich ungehalten über meine Störung, holte jedoch eine zerknitterte Karte aus seiner Hosentasche und schob sie über den Tisch. Zu sehen war das komplette Ausmaß des Anwesens, mit den zwei getrennten Flügeln, dem eigenen Wasserrutschenspaßland, dem privaten Zoo und die exakte Lage der Minenfelder und Elektrozäune, die ich auf dem Weg zur Eingangstür bereits durchquert hatte. „Der Raum mit dem großen roten Punkt, genau zwischen den Flügeln.“, informierte mich Costa. Mein Blick fuhr die Südgallerie entlang und stoppte bei dem großen roten Punkt mit der Aufschrift „Donnerbalken“. Ich bedankte mich und wankte durch den Speisesaal Richtung Küche. Mein Weg führte mich durch einige verwinkelte Servicetunnel unter dem Gebäude und mit jedem Schritt machte sich in mir ein Gefühl der Unruhe breit, hervorgerufen durch ein leises Zischen und Grummeln aus der Ferne, das immer lauter und lauter durch die Wände vibrierte. Tunnel folgte auf Tunnel und Sicherheitstür auf Sicherheitstür und schließlich erreichte ich schwitzend die Südgallerie, die den Ost- und Westflügel verband. Der Technobeat zermarterte mir unaufhörlich mit 130 Beats pro Minute das alkoholisierte Gehirn und wie in Trance warf ich mich gegen die Tür zur Toilette, um wie ein nasser Sack in den gefließten Saal zu fallen. Der komplette Raum war über ein komplexes System an Milchglas, Spiegeln und Neonstrahlern diffus beleuchtet und ich fragte mich, ob ich im Himmel gelandet war und Gott hatte mir die Erlösung eines Keramikthrons geschenkt. Da die komplette Halle in ein einheitliches weiß getaucht war, konnte ich die Ausmaße nur erahnen. Ich betete fünf Hamdullilehs, hievte mich auf die Klobrille, die im Takt des Eurodance der 90er vibrierte, und genoß die Erleichterung.
Eine ganze Weile verharrte ich hier sitzend, bis meine Sinne und Kräfte langsam zurückkehrten. Inzwischen schlug mein Herz im Beat der Musik und meine Muskeln zitterten gedopt im Rhythmus. Hypnotisiert verfolgte ich dem Klang der sich überlagernden Kickdrums, dem geviertelten Bass und dem Stakkato aus Synthesizern bis zum Portal des Westflügels. Ohne mich des Augenkontakts zu würdigen, öffneten mir die Bediensteten mit Gehörschutz die Tür zum Treppenhaus und verriegelten sie hinter mir erneut. Der verstaubte Marmorboden erzitterte unter meinen Füßen und ich spürte das Knirschen des Putzes, der von der Decke geregnet war. Hinter den Fenstern war es schwarz. Wann war es Nacht geworden? Im flackernden Licht versuchte ich die Treppe zu erklimmen und setzte meinen Fuß vorsichtig auf jede Stufe.

WHAT A FEELING

Eine Turmuhr, unerklärlich lauter als die Musik, schlug 12, dann 1, dann 2. Der Strom fiel aus, nur noch das Gewitter vor dem Fenster leuchtete mir durch konstantes blitzen den Weg.

IN A WORLD MADE OF STEEL
MADE OF STONE

Ich betrat die ayurvedische Astralkammer einer neuen Ebene der Existenz und stand vor Lucas Cordalis, wie er auf einem 3D 4K Bluray Fernseher der Firma Hitachi Muster in das Pattern-Fenster von Fruity Loops Studio 12 malte und einen Low Filter Cutoff auf die Masterspur legte. Noch nie hatte ich solch vollendete Genialität gesehen. Durch seine Augen konnte ich in Lucas Seele blicken. Er starrte zurück, ohne dabei die Hand von der Maus zu nehmen, um weitere Pattern in den Player einzufügen. Mir wurde kalt, ein starker Windzug erfasste mich und ich konnte kaum noch stehen.

„Warum bist du hier, Farid?“, fragte mich Lucas, ohne den Mund zu öffnen.

„Dachtest du, du kriegst endlich deinen Plattenvertrag?“

Daniela berührte mich an der Schulter.

„Du hast es geschafft.“, flüsterte sie in mein Ohr.

Lucas erhob sich von seinem 300€ Bürostuhl und moonwalkte auf mich zu.

Ich stotterte: „Bin ich im Himmel?“

Helene Fischer streichelte mir über die Wange. „Nein, du bist noch sehr lebendig.“

Florian Silbereisen setzte mir die Krone auf: „Gleich ist es soweit. Lass es einfach geschehen.“

Ich ging in die Knie und weinte.

„Ich bin noch nicht bereit“, schrie ich verzweifelt in das Nichts hinein.

„Du wirst es bald sein. Wir stehen in Flammen.“, sprach DJ Bobo und präsentierte mir den Spiegel.

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daniela